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Ein Hund zieht ein

und über Verständnis für´s Tier

Hallo ihr!

Mein Name ist Laura. Heute ist es soweit – meine Fellnase aus Rumänien wird bei mir einziehen! Eine 4 Jahre alte Hündin, von der ich nicht so viel weiß, außer, dass sie eine lange Zeit in einem Shelter lebte – ich habe sie "Mia" getauft. In diesem Moment sitzt Mia im Transporter und heute Nacht darf ich sie endlich in Empfang nehmen. Ich bin so aufgeregt. Zuhause ist schon alles vorbereitet – ihr Kuschel-Körbchen steht im Wohnzimmer und ihr zukünftiges Lieblings-Spielzeug, ein Plüschhäschen namens Noah, wartet darin auf sie. Auf dem Sofa liegt eine flauschige Wolldecke und die Näpfe sind prall gefüllt. Meine Mama, meine Schwester, mein kleiner Neffe und mein Freund werden auch hier sein und erwarten meine kleine Mia schon ganz aufgeregt.

 


Hallo. Mein Name ist Mia. Und ich habe furchtbare Angst. Die letzten Jahre lebte ich in einem Zwinger. Ich hatte nicht viel Platz, aber zusammen mit meiner Hundefreundin Emma, mit der ich mir den Zwinger teilte, war alles ganz ok – wir haben uns Schutz und Kraft gegeben. Aber heute ist was Schlimmes passiert. Die Menschen, die uns immer mit Futter versorgen, haben mich aus meinem Zwinger geholt, in einen Käfig gesetzt, eine Decke drüber geworfen und mich in ein Auto gebracht. Einfach so - es ging wahnsinnig schnell. Zu meiner Erleichterung saßen schon einige andere meiner Art in diesen Gitterboxen. Doch in ihren Augen sah ich, was ich in diesem Moment fühlte – die pure Angst.
Und hier bin ich nun. Seit Stunden. Es ist dunkel. Es wackelt. Einige von den anderen fiepen und bellen. Sie sind schrecklich nervös, genau wie ich. Ich habe etwas Hunger und hier gibt es auch fressen, doch mir ist übel. Was passiert hier?

 


Es ist 23:00 Uhr! Damit sind es nur noch 3 Stunden, bis ich meine Mia am Transporter abholen kann. Ich bin so nervös, dass ich sowieso nicht schlafen kann. Also überlege ich lieber: Welche Decke packe ich in ihre Transportbox? Ist mein Handy geladen? Sicherheitsgeschirr, Leine… und wo ist überhaupt Plüsch-Hase Noah? Den lege ich ihr gleich mit rein, damit sie schon mal was zum kuscheln und spielen hat. Und Leckerlies! Die darf ich nicht vergessen, sie hat bestimmt schrecklich Hunger. Ach, ich bin so aufgeregt und voller Vorfreude!

 


Ich bin immer noch in diesem Transporter. Und ich kriege immer mehr Angst. Zwischendurch halten wir an, dann kommen die Männer, die uns mit Futter und Wasser versorgen und unsere Käfige sauber machen, und holen nach und nach einem nach den anderen hier raus. Es ist immer das Gleiche: es öffnet sich kurz die Tür und dann schließt sie gleich wieder. Einer von ihnen nimmt einen von uns auf den Arm, die Tür öffnet sich wieder und schließt erneut. Weg ist er. Verschwunden hinter dieser Tür. Was passiert mit ihm? Was passiert mit mir?

 


Endlich sind wir am Treffpunkt angekommen. Viel zu früh, aber das macht nichts – ich bin so aufgeregt! Ich habe alles dabei –  Sicherheitsgeschirr, Leine, Transportbox, Kuscheldecke und natürlich Noah. Ach, meine kleine Mia wird so froh sein, wenn sie gleich aus dem Transporter raus ist und sich zuhause in ihr kuscheliges Körbchen legen und sich ausruhen kann.

Und schon wieder halten wir an. Die Tür geht auf.
Halt– Moment! Stopp! Der Mann kommt auf mich zu. Hilfe. Ich beweg mich einfach nicht. Einfach nicht bewegen Mia.
Er legt mir irgendwas um den Hals, wickelt es um meinen Bauch, schnallt es zu und bindet etwas dran. Ich bleibe bei meiner Methode, mich einfach nicht zu rühren. Er nimmt mich auf den Arm. Die Tür geht auf. Sie schließt hinter mir. Es ist stockduster. 100 Augen starren mich an, mehrere Zweibeiner kommen auf mich zu, fassen mich an, machen merkwürdige Geräusche. Doch ich bin wie gelähmt und lasse es einfach geschehen. Ich kann mich einfach nicht bewegen, ich fühle mich, als würde ich Tonnen wiegen. Was geschieht mit mir?
Der Mann trägt mich weiter und setzt mich in ein Auto, in einen etwas gemütlicheren Käfig. Ich bewege mich aber lieber immer noch nicht. Schon wieder starren mich Menschen an und reden mit mir. Klingt irgendwie alles merkwürdig. Eine von ihnen hält mir einen Haufen gut riechender Sachen und irgend so ein Plüschteil vor die Schnauze, aber ich hab wirklich keinen Appetit. Und das Plüschding find ich auch blöd.
Ich möchte weg. Ich möchte zurück. Zurück zu Emma. Zurück in meinen Zwinger. Wieso fragt mich eigentlich niemand, ob ich das alles hier will?
Die Menschen merken, dass ich keinen Hunger hab. Sie geben endlich auf, verschließen das Auto und steigen mit ein. Die mit dem Futter und dem Plüschding setzt sich in meine Nähe. Und sie hört einfach nicht auf mit mir zu sprechen. Eigentlich klingt sie ja ganz nett. Trotzdem – ich habe Angst und ich möchte weg.


Ach Miaaaaaa, meine kleine Mia-Mausi, endlich bist du da. Bist du noch aufgeregt? Keine Sorge Mia, jetzt wird alles gut. Guck mal hier, das ist Noah, dein neuer bester Freund. Und hier, mmhhhh lecker lecker. Hast du keinen Hunger? Na gut, das kommt gleich bestimmt. Och Mensch, du musst keine Angst haben, wirklich nicht. Ich tue dir nichts. Gleich sind wir da und dann kannst du dir erstmal in Ruhe dein Neues Zuhause angucken. Ich hab alles für dich aufgebaut und dir einen ganz gemütlichen Platz eingerichtet. Du wirst es lieben!

 


Und da sind wir auch schon. Sie öffnen das Auto und holen mich in meinem gemütlichen Käfig heraus. Das kenne ich ja jetzt schon. Ich sehe nicht so viel, ich rieche nur dass wir draußen sind. Es riecht ganz anders als sonst. Ich kriege jede Sekunde mehr Angst.
Die Menschen stellen meine Box ab und öffnen sie. Wieder starren mich jede Menge Augen an. Ich hab keine Ahnung was die wollen und keine Ahnung, was ich machen soll. Ich bleib hier einfach so lange liegen, bis sie gehen und versuche jetzt einfach zu schlafen. Und dann gucke ich, wie ich hier wegkomme.

 

Tag 2

Heute ist der erste Morgen mit meiner Mia. Sie ist so verschreckt und ängstlich, damit hätte ich nicht gerechnet. Mir wurde das zwar vorher gesagt, aber das alles nun so zu sehen ist viel schlimmer, als ich dachte. Wieso fühlt sie sich nicht wohl? Wie soll ich denn jemals mit ihr rausgehen? An anfassen ist nicht zu denken. Ich möchte sie so gern streicheln, ihr Sicherheit geben und das sie sich wohlfühlt, aber sie lässt mich nicht. Sie ist die ganze Zeit in ihrer Box und macht furchtbar große Augen, wenn man versucht, ihr näher zu kommen. Ich probiere sie mit Leckerlies zu locken und manchmal nimmt sie ganz zaghaft einen von meiner Fingerspitze. Aber auch nicht immer. Es ist gerade mal Tag 2 und ich weiß jetzt schon nicht mehr, ob ich es schaffe.

 

Ich arbeite immer noch mit Hochdruck an dem Plan, wie ich zurück nach Rumänien komme, aber ich glaube, die Zweibeiner hier haben nicht vor, mir wehzutun. Die mit der quietschenden Stimme kommt am häufigsten vorbei und hält mir verdammt leckere Sachen vor die Schnute. Manchmal kann ich nicht anders und nehme es ihr ab, ich versuche mich zu beherrschen und erst zu fressen, wenn sie weg ist. Und viel mehr mache ich den Tag über auch gar nicht. Ab und zu gehe ich mal gucken, was hier um mich herum so zu sehen ist und da stört es mich auch nicht, wenn die Zweibeiner etwas entfernt von mir sitzen und mir zugucken. Solange die nicht aufstehen – denn dann sprinte ich sofort in meine Box zurück. Hier drin bin ich sicher, ich kriege was zu fressen und kann in Ruhe an meinem Plan arbeiten.

Tag 3/4/5

Ich bin verzweifelt. Absolut verzweifelt. Von Tag zu Tag wird Mia ängstlicher und obwohl sie jetzt schon 5 Tage da ist, hab ich das Gefühl, es wird immer schlimmer. Sie scheint noch gar nicht verstanden zu haben, dass es ihr doch jetzt viel besser geht. Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt. Ich war so aufgeregt und voller Vorfreude und fühle mich jetzt, als hätte ich das niemals machen sollen. Was mache ich denn falsch?
Die Box haben wir ihr mittlerweile weggenommen, sonst hätte sie sich ewig darin verkrochen und wir wären nie an sie herangekommen. Den Platz haben wir durch ein Körbchen ersetzt. Das interessiert sie aber gar nicht, sie liegt immer in der selben Ecke im Flur auf dem Boden, nur ab und zu wechselt sie den Platz. Ich setze mich in regelmäßigen Abständen zu ihr, erzähle ihr Geschichten und kraule sie vorsichtig. Meistens zuckt sie zusammen und ist total angespannt, aber nur so lernt sie, dass Berührungen nichts Schlechtes sind.
Ich habe beschlossen, ihr heute eine Leine ans Geschirr zu machen und mit ihr rauszugehen. Ob sie will, oder nicht! Und sie will ganz bestimmt nicht. Aber es muss was passieren.

 


Die letzten Tage ist was Schlimmes passiert. Ich hab nur einen Moment nicht aufgepasst und mich von den leckeren Sachen, die die Zweibeiner im Haus verteilt haben ablenken lassen – zack: Box weg. Da bin ich erstmal durchgedreht. Stattdessen haben die mir irgendwas anderes dahingestellt, aber ich hab mir einen eigenen, neuen Platz gesucht.
Gestern habe ich auch das erste Mal heimlich meine Geschäfte erledigt, als keiner da war. So unter Anspannung war das die letzten Tage gar nicht so leicht.
Die mit der quietschenden Stimme kommt regelmäßig zu mir, erzählt mir was und berührt mich. Ich laufe erstmal immer vor ihr weg, aber irgendwann lege ich mich hin – die gibt nämlich nicht auf. Mir ist immer nicht ganz wohl dabei, aber um ehrlich zu sein, fühlt es sich gar nicht so schlecht an. Sag ich ihr aber nicht. Bin ja nicht blöd.
Nachts gucke ich immer, ob’s hier irgendwo einen Ausweg gibt, bin aber noch nicht fündig geworden. Ich hab schon versucht diesen rutschigen Untergrund aufzubuddeln und diese, ich glaube die Zweibeiner nennen es „Tür“, kaputt zu machen und abzuhauen – kaputt machen hat geklappt, abhauen leider nicht. Glaub das fanden die nicht so toll. Ist mir aber egal. Ich find‘s schließlich auch nicht toll, hier zu sein.

 

 

Nun war es so weit. Wir waren draußen. Mia liegt nun völlig geplättet auf ihrem Platz und auch ich bin noch ganz schön aufgeregt. Ich habe ihr eine lange Leine an das Sicherheitsgeschirr gemacht und die Tür nach draußen geöffnet. Erst hab ich probiert, sie mit Käsewürfeln zu locken, aber das hat sie natürlich gar nicht interessiert. Also musste ich sie liebevoll zwingen. Ich habe vorsichtig, aber beständig, an der Leine gezogen, während Mia sich natürlich mit ihren 20kg Kampfgewicht dagegen gestemmt hat. Aber ich wusste – Laura: du musst durchhalten! Wenn du das jetzt nicht durchziehst, dann gewinnt sie. Aber das hat sie nicht. Ich hab‘ gewonnen. Mia hat sich eine ganz Zeit lang gewehrt, ist über den Tisch gesprungen und hat versucht, zu entkommen. Der Druck des Geschirrs und der Leine sind für sie aber ja auch völlig fremd. Mit Ach und Krach habe ich sie in den Garten bekommen, wo sie dann erstmal wie versteinert stand. Es war ein Wechselspiel zwischen wildem hin und her laufen, stehen bleiben, hinschmeißen, aufstehen und wieder los laufen. Doch ab und zu ist sie sogar mal aus Versehen ein paar Schritte am Stück gelaufen, worüber ich mich jedes Mal wahnsinnig gefreut hab. Es war turbulent – aber ich bin so stolz auf sie. Und ein klein bisschen auch auf mich.


Ich bin platt. Völlig platt. Ich war gerade draußen. Die mit der quietschenden Stimme hat mir einfach so ein langes Seil ans dieses nervige Teil was ich schon die ganze Zeit an habe gekettet und mich gezwungen, mich zu bewegen. Hat die nicht gemerkt, dass ich darauf gar keine Lust hab? Ich hab mir echt Mühe gegeben, ihr das klar und deutlich zu zeigen. Ich hab mich hingeschmissen, bin los gerannt, bin stehen geblieben und wieder los gerannt. Aber ich hab schnell gemerkt, dass die nicht locker lässt. Zwischendurch brauchte ich eine Pause und bin dann einfach den ein oder anderen Schritt gelaufen. Ich muss zugeben – das war gar nicht so schlecht. Sag ich ihr aber nicht. Deshalb hab ich mich dann auch lieber schnell wieder aufgeführt, bis wir irgendwann wieder rein sind. Jetzt bin ich froh, wieder Zuhause zu sein.
Hab ich Zuhause gesagt? Ja, habe ich. Wahnsinn. Ich habe ein Zuhause.

Tag 6 bis 14

In der letzten Woche ist wahnsinnig viel passiert. Ich bin regelmäßig mit Mia raus gegangen und die ersten 5,6,7 Male war es nach wie vor eine Tortur – aber sie hat es auch mit jedem Mal besser gemacht. Mittlerweile liegt sie recht ruhig auf ihren Plätzen, sie zuckt nicht mehr jedes Mal zusammen wenn wir sie berühren wollen und auch wenn wir mit der Leine und dem Geschirr auf sie zukommen, lässt sie es immer besser zu. Ab und zu verfällt sie in ihr Muster von Tag 1, manchmal knurrt sie noch oder schnappt mal zu, wenn ich ihr das Geschirr anlegen will – aber sie tut nur so. Ich mache dann vorsichtig weiter, bestätige sie und lasse mich davon nicht beeindrucken. Das merkt sie und hört auch schnell wieder auf. Es ist ein auf und ab. Wir gehen 3 Schritte vor und 2 wieder zurück. Aber hey – wir kommen vorwärts. Und es sind erst 2 Wochen vergangen.

 


Langsam aber sicher glaube ich, ich bleibe jetzt hier. Die mit der quietschende Stimme ist tatsächlich ziemlich nett und auch die anderen die hier wohnen machen sich nicht schlecht. Die geben mir viel Fressen, also lasse ich sie hier wohnen. Vertrauen tue ich aber nur der mit der quietschenden Stimme (ich glaube sie nennen sie stattdessen Laura) und der auch nicht immer. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, bin ja schließlich auch erst 2 Wochen hier. Nach draußen gehen ist gar nicht so schlecht, wie ich dachte, solange es ruhig ist. In einigen Situationen erschrecke ich mich noch und will sofort wieder weg, aber die Laura gibt nicht auf. Die gewinnt immer, weshalb ich glaube dass sie weiß, was sie tut. So richtig wohl fühle ich mich immer noch nicht und ich bin noch sehr vorsichtig. Doch ich habe vorerst akzeptiert, hier zu sein und füge mich weiter meinem Schicksal. Ich werde noch eine Weile brauchen, aber ich denke, irgendwann könnte ich mich hier vielleicht wirklich einmal wohlfühlen.


Unser Abschlusswort dazu:

Mit einer Adoption eines Tieres aus miserablen Bedingungen tut man eine große und ehrenwerte Sache. Die Chance auf ein artgerechtes Leben bleibt leider vielen Hunden vorenthalten. Durch eine Adoption bekommen sie diese seltene Chance. Doch! Für die Hunde ist es für den Moment nicht besser, dass sie jetzt bei dir sind. Für die Hunde ist das die erste Zeit Mist. Von heute auf morgen nehmen wir ihnen alles was sie kennen und lieben, was ihnen Sicherheit und Schutz bietet. Ihr gewohntes Umfeld, ihre Sozialpartner, ihre vertrauten Gerüche und Geräusche. Wie sollen sie jemandem vertrauen, der ihnen gerade alles weggenommen hat? Es ist deine Aufgabe, dem Hund, egal wie lang es dauert, zu zeigen, dass alles gut ist. Ihm die Sicherheit wiederzugeben, die ihm genommen wurde, ein neues vertrautes Umfeld zu schaffen, welches ihm gerade entrissen wurde. Und das dauert. Monate. Vielleicht Jahre. DU hast diese Entscheidung für den Hund getroffen, mit allem was dazu gehört.
Mit der Adoption eines Hundes übernimmt man die Verantwortung für ein Leben. Der erste Schritt in eine bessere Zukunft ist mit der Ausreise getan. Doch das, was eine bessere Zukunft wirklich ausmacht, ist das, was du nach Ankunft daraus machst.

 


Autor: Madeleine Adam